Zu sexy, zu laut, zu streng
Dresscodes wirken auf den ersten Blick wie harmlose Stilregeln, tatsächlich sind sie aber seit Jahrhunderten ein ziemlich effizientes Machtinstrument. Während Männer Kleidung vor allem nutzen, um Status zu signalisieren (Anzug? Check. Uhr am Handgelenk, die ein Monatsgehalt kostet? Check. Chefsessel? Vermutlich.), sollen Frauen mit ihrer Kleidung etwas ganz anderes signalisieren: Zurückhaltung. Anpassung. Kontrollierte Weiblichkeit. Kurz gesagt: Männer kleiden sich, um Status zu zeigen. Frauen kleiden sich, damit andere sich wohlfühlen.
Dresscode-Bullshit aus dem echten Leben
Egal ob Fitnessstudio, Baustelle oder Vorstandsetage, die Normen, die Frauen kleiden sollen, dienen selten der Sicherheit oder Professionalität, sondern zumeist der Kontrolle über ihr Auftreten, ihre Sexualität und ihre gesellschaftliche Wahrnehmung.
Ein Beispiel aus deutschen Fitnessstudios: Männern wird teilweise das Tragen von Tanktops verboten, da ihre Muskelpracht „zu provozierend“ wirken könnte. Frauen hingegen dürfen schulterfrei trainieren, denn dort gelten andere Regeln: Haut zeigen ist okay, schließlich wollen die Männers beim Schwitzen ja auch eine schöne Aussicht haben.
Noch absurder wird’s im Arbeitskontext: 2024 entschied das Landesarbeitsgericht Bad Urach, dass eine Frau 250 € Entschädigung erhält, weil ein geschlechtsspezifischer Dresscode gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz verstieß. Schön, dass Diskriminierung manchmal zumindest das nötige Kleingeld für Kaffee und Kuchen abwirft.
Und auf Baustellen? Männer dürfen Tanktops und Shorts tragen, Ventilation muss sein. Frauen hingegen müssen oftmals lange Kleidung tragen, um nicht zu “sexy“ zu wirken. Das ist natürlich gut nachvollziehbar, schließlich funktionieren Bagger und Schaufel nicht, wenn sie von einem tiefen Dekollete bedient werden.
Victim-Blaming und wie kurz war der Rock?
Sobald es um sexualisierte Gewalt geht, kommt zuverlässig die immergleiche, hanebüchene Frage: „Was hatte sie an?“ Die Soziologin Barbara Kuchler weist seit Jahren auf die Problematik hin, dass Frauen nach wie vor wird eingeredet wird, ihre Kleidung sei Mitverursacher von sexuellen Übergriffen. Eine klassische Täterlogik, die auch heute noch gesellschaftlich akzeptiert und weitläufig mitgetragen wird. Das ist nicht nur fatal, weil die Straftaten damit legitimiert werden, sondern vor allem, weil an der dahinter liegenden Logik nichts dran ist.
Der vermeintliche Zusammenhang zwischen freizügiger Bekleidung und sexuellen Übergriffen existiert schlichtweg nicht. Die internationale Ausstellung „What Were You Wearing?“, welche von der UN unterstützt wird, zeigt dies seit Jahren auf eindrückliche Art und Weise: Die Ausstellung reist um die Welt und erzählt die Geschichten von Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren mussten. Statt schockierender Tatdarstellungen zeigt sie sorgfältig kuratiert die Kleidungsstücke, welche die betroffenen Frauen bei Übergriffen getragen haben gibt ihnen mithilfe bewegender Textfragmente eine Stimme. Eine Frau wird nicht vergewaltigt, weil sie einen Minirock trägt. In der überwältigenden Mehrheit der Fälle trugen Betroffene ganz normale Alltagskleidung wie Jeans, T-Shirts und Sweatshirts. Straftaten entstehen nicht durch Outfits, sondern durch Täter. Punkt.
Die Fixierung auf Kleidung ist daher kein probates Informationsbedürfnis, sondern ein kulturelles Ritual des Victim-Blaming. Es verschiebt Verantwortung, bagatellisiert Gewalt und degradiert Betroffene zu Mitschuldigen ihrer eigenen Erfahrung.

Kleidung als Politikum
Frauenkleidung ist nicht nur Stoff, sie ist seit Jahrhunderten politisches Territorium. Wer Frauen vorschreibt, was sie tragen dürfen oder müssen, reguliert nicht nur Mode, sondern Macht, Freiheit und gesellschaftliche Teilhabe. Ein besonders drastisches Beispiel dafür, dass vor allem in den letzten Jahren für viel Aufruhr gesorgt hat, ist das Kopftuch in Iran. Dieses ist dort nicht einfach nur ein Kleidungsstück oder religiöses Symbol, sondern ein staatlich verordnetes Zeichen weiblicher Unterdrückung. Die jüngsten Proteste, ausgelöst durch den Tod von Jina Mahsa Amini, beweisen: Sobald Frauen selbst über ihr Äußeres bestimmen, wird das Regime nervös. Weil es nie nur um Haare geht, sondern um Autonomie. Um politische Gleichberechtigung. Und um die Frage: Wem gehört der weibliche Körper?
Doch man muss nicht bis nach Teheran schauen, um zu erkennen, wie Kleidung zum Machtwerkzeug wird. Auch im hierzulande existieren subtilere, aber nicht weniger wirksame Formen dieser Kontrolle: Skirt length policies an Schulen, Kleidungsregeln in Parlamenten, Diskussionen um „zu freizügige“ Outfits im öffentlichen Raum. Frauenkörper sind häufig die Bühne, auf der moralische, kulturelle und gesellschaftliche Konflikte ausgetragen werden.
Ob religiöses Kopftuch, kurzer Rock oder schulterfreies Top, die Botschaft ist immer dieselbe: Die Gesellschaft beansprucht ein Mitspracherecht über das Aussehen von Frauen. Dabei geht es nie um die Kleidung selbst, sondern immer um die Frage, wer die Macht hat, Normen zu setzen. Frauenkleidung ist ein Politikum, weil sie ein direktes Barometer dafür ist, wie frei oder unfrei eine Gesellschaft wirklich mit weiblicher Selbstbestimmung umgeht.
Der einzig legitime Dresscode: Augenbinde für Männer
Wenn ein bisschen Haut jemanden komplett aus der Bahn wirft, liegt das Problem selten bei der Frau, sondern in der Art und Weise, wie manche Männer schauen, bewerten und handeln.
Studien zeigen beispielsweise, dass Männer Frauen allein aufgrund der Farbe Rot attraktiver finden, der Schnitt oder die Menge an Stoff sind dabei nebensächlich. Das bedeutet: Frauen können sich anziehen, wie sie möchten, Männer bewerten sie trotzdem. Das eigentliche „Problem“ liegt also nicht im Ausschnitt oder der Länge des Rocks, sondern in den Augen und manchmal leider auch den Händen derjenigen, die Grenzen nicht respektieren und einhalten können.

Dress without Dress Code
Wer das Thema sichtbar machen möchte, ist bei No Shit Shirts an der richtigen Adresse. Unsere Designs machen auf humorvolle und selbstbewusste Weise auf diese Ungerechtigkeiten aufmerksam. Klare Statements, um im Alltag auf Dresscode-Absurditäten aufmerksam zu machen.
Takeaways
- Dresscodes sind Macht: Sie dienen historisch der Kontrolle weiblicher Präsenz, während Männer Kleidung vor allem nutzen, um Status zu demonstrieren.
- Regeln gelten – aber häufig nur für Frauen: Kleidervorschriften für Frauen steuern nicht Sicherheit oder Professionalität, sondern zielen auf Disziplinierung ihrer Körper.
- Victim-Blaming hat ein Kleidungsproblem: Die Frage „Was hatte sie an?“ hält sich, obwohl sie weder logisch noch faktenbasiert ist.
- Kleidung ist politisches Terrain: Kleidungsregeln dienen oft dazu, weibliche Autonomie zu begrenzen und Kontrolle gesellschaftlich, religiös oder staatlich zu legitimieren.
Quellen (Stand: 13.12.2025):
Amnesty International - Iran: Ein Jahr nach Beginn der Proteste ist die internationale Gemeinschaft in der Pflicht
United Nations - "What Were You Wearing?" Survivors of sexual assault speak up
Haufe - Diversity und Selbstbestimmungsgesetz am Arbeitsplatz
Verlag Das Höfer - Sexistische Kleidervorschriften am Arbeitsplatz
Universität Mannheim - ROT – JUNG – SEXY
Kanzlei Kotz - Kleidungsordnung Fitnessstudio – geschlechtsspezifische Benachteiligung