Warum patriarchale Strukturen real sind, auch wenn man sie nicht sehen will
Es gibt kaum ein Wort, das so zuverlässig Abwehrreflexe auslöst wie „Patriarchat“. Für die einen ist es ein nüchterner analytischer Begriff, für andere klingt er wie ein persönlicher Angriff auf die gesamte Männerwelt oder ein überholtes Konzept aus den 70ern, das heute doch bitteschön keine Rolle mehr spielen sollte. Doch wer glaubt, das Patriarchat sei überwunden, verwechselt Fortschritt mit Vollendung. Gleichstellung ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann abhaken kann. Es ist ein Prozess und (leider) ein ziemlich unvollendeter.
Deshalb lasst uns zu Beginn gleich einmal eines klarstellen: Patriarchat ist KEIN Synonym für „Männer sind schlecht“. Es beschreibt eine historisch gewachsene Machtstruktur, die festlegt, wer Gehör findet, wessen Arbeit als wertvoll gilt und wessen Körper gesellschaftlich kommentiert, moralisiert oder reguliert wird. Und genau darin liegt das Problem: Diese Strukturen wirken so selbstverständlich, dass viele sie nicht als Strukturen wahrnehmen. Wer gewohnt ist, dass die Welt für die eigene Perspektive gebaut ist, hält sie schnell für neutral. Doch Normalität ist oft nur gut getarnte Kultur.

Unsichtbar heißt nicht erledigt
Moderne patriarchale Muster tragen keinen Helm und keine Keule mehr, sie kommen in Business-Casual, progressiven Selbstbildern und dem Satz: „Also ich sehe da keine Ungleichheit.“ Doch wenn Gleichberechtigung wirklich erreicht wäre, müssten wir nicht Jahr für Jahr dieselben Zahlen sehen: Frauen verdienen im Schnitt weniger, haben schlechtere Aufstiegschancen und werden in politischen Entscheidungspositionen seltener vertreten. Gleichzeitig werden sie stärker nach ihrem Aussehen bewertet, strenger nach ihrem Verhalten beurteilt und häufiger für Situationen verantwortlich gemacht, in denen sie Opfer, nicht Täterinnen sind.
Diese Form von Patriarchat ist nicht laut, aber hartnäckig. Es versteckt sich nicht in Gesetzen, sondern im Alltagsgeschehen: in Meeting-Dynamiken, Familienstrukturen, Kleidervorschriften, Sicherheitsdebatten und Erwartungen an das „richtige“ Verhalten. Dass man es nicht immer sieht, heißt eben nicht, dass es weg ist, sondern, dass es erfolgreich funktioniert.
Warum Männer ebenfalls gefangen sind
Patriarchale Strukturen bevorzugen Männer auf der Machtseite, aber sie bestrafen sie auf der emotionalen Seite. Also Heads up, Feminismus kämpft auch für die Dreibeiner unserer Gesellschaft. Das Ideal des starken, unerschütterlichen Versorgers klingt auf dem Papier nett, bis man merkt, was es bedeutet: keine Schwäche, keine Angst, keine Tränen, kein Ausweichen. Männer sollen leisten, funktionieren, durchhalten und das mit fatalen Konsequenzen: Männer sterben früher, begehen häufiger Suizid und suchen deutlich seltener Hilfe. Nicht weil sie nicht dürften, sondern weil ihnen früh beigebracht wird, dass sie es nicht sollen. Das Patriarchat gibt Männern Privilegien nach außen und nimmt ihnen Freiheit nach innen. Es ist ein Deal, der keinem wirklich guttut.

Frauen verlieren strukturell und täglich
Während Männer an Härte zugrunde gehen, verlieren Frauen an Chancen, Zeit, Geld und Selbstbestimmung. Sie tragen den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit, arbeiten überproportional in schlechter bezahlten Branchen, sind in Führungspositionen unterrepräsentiert und werden konstant nach Kriterien bewertet, die mit Kompetenz sehr wenig zu tun haben.
Das Patriarchat ist kein Vorwurf an Männer. Es ist ein System, das alle betrifft, nur eben auf unterschiedlichem Niveau. Männer verlieren Menschlichkeit, Frauen verlieren Freiheit und beide verlieren Potenzial. Wer Gleichberechtigung ernst meint, muss Strukturen hinterfragen, statt sie nur argumentativ zu banalisieren. Der Weg zu echter Gleichberechtigung besteht nicht darin, Männer zu entmachten, sondern Macht gerechter zu verteilen und Normen zu verändern, die uns alle klein halten.
Veränderung sichtbar machen
No Shit Shirts will genau das: sichtbar machen, worüber viele lieber nicht sprechen. Unsere Designs holen das Patriarchat aus der Unsichtbarkeit heraus, nicht um Feindbilder zu schaffen, sondern um Gespräche zu ermöglichen. Denn gesellschaftlicher Wandel beginnt in den Köpfen der Leute. Und manchmal mit einem T-Shirt, das sagt: „Wir sind noch nicht fertig, aber wir fangen an, darüber zu reden.“
Takeaways
- Patriarchat ist kein Männerhass: Der Begriff beschreibt ein historisches Machtmodell, das systematische Ungleichheit schafft.
- Unsichtbar heißt nicht verschwunden: Subtile patriarchale Strukturen wirken im Alltag, auch wenn sie nicht immer offensichtlich sind.
- Männer leiden mit: Patriarchale Rollenbilder setzen Männer unter Druck, schränken emotionale Freiheit ein und belasten psychische Gesundheit.
- Frauen verlieren strukturell: Frauen sind systematisch benachteiligt in Bezahlung, Karrierechancen, Care-Arbeit und gesellschaftlicher Bewertung.
- Bewusstsein schafft Handlungsspielraum: Gleichberechtigung bedeutet, Mechanismen zu erkennen, Macht gerechter zu verteilen und gesellschaftliche Normen zu hinterfragen, nicht Männer zu dämonisieren.
Quellen (Stand:13.12.2025):
Leibniz Gemeinschaft - Lange galt: Bei den Primaten haben die Männchen das Sagen. Doch neue Forschungsergebnisse widerlegen diese Annahme.
Destatis Statistisches Bundesamt - Zeitverwendung
Bundesamt für Statistik - Unbezahlte Arbeit
Hans Böckler Stiftung - Unbezahlte Arbeit – Frauen leisten mehr
Hans Böckler Stiftung - Gleichstellung beginnt im Kopf
Friedrich Ebert Stiftung - Patriarchat
Bundesamt für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend - Gleichstellungsberichte der Bundesregierung
Destatis Statistisches Bundesamt - Gender Pay Gap